{"id":1777,"date":"2021-11-24T17:04:57","date_gmt":"2021-11-24T16:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/gloria.prinzdesign-berlin.de\/die-mysteriose-ortsfindung-der-schafe-von-melle\/"},"modified":"2022-02-15T10:57:33","modified_gmt":"2022-02-15T09:57:33","slug":"die-mysteriose-ortsfindung-der-schafe-von-melle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gloria-zein.com\/en\/die-mysteriose-ortsfindung-der-schafe-von-melle\/","title":{"rendered":"Die mysteri\u00f6se Ortsfindung der Schafe von Melle"},"content":{"rendered":"<h5 class=\"bodytext\">\u00dcber Werte, Politik und Kunst<\/h5>\n<p class=\"bodytext\">Die beiden Begriffe\u00a0<i>pecunia<\/i>\u00a0und\u00a0<i>pecus<\/i>\u00a0geh\u00f6ren etymologisch zusammen und sind ein zentrales Anliegen der Arbeit\u00a0<i>du vertige de la contingence<\/i>\u00a0der K\u00fcnstlerin Gloria Zein f\u00fcr die Biennale 2018 in Melle.\u00a0<i>Pecunia<\/i>\u00a0hei\u00dft Geld und Reichtum.\u00a0<i>Pecus\u00a0<\/i>Schaf und Vieh. Das Schaf ist also nicht irgendein Tier, sondern\u00a0<i>pecus<\/i>\u00a0ist das Grundwort f\u00fcr Vieh, das urspr\u00fcngliche Wort f\u00fcr Reichtum. Daher gelten Schafe als wertvoll \u2013 sie sind Geld und Opfertier, Wolllieferant, Lebensmittelproduzent und Lebensmittel.<\/p>\n<p>Mit dem Einsatz und der Herausforderung von Schafen wird das Thema\u00a0<i>Wert<\/i>\u00a0in Gang gesetzt. \u00dcber die Herde verweist das Wort\u00a0<i>Schaf<\/i>\u00a0auch auf die Sesshaftwerdung und die daraus hervorgehende Formung von R\u00e4umen, die das Leben des Menschen und der Gemeinschaft ordnet. Es sind R\u00e4ume, die der physischen und geistigen Handhabbarkeit einer Gemeinschaft dienen.<\/p>\n<p>Innenraum, Umraum und symbolischer Raum \u2013 drei Raumformen, in denen der Mensch seine Werte prozesshaft entwickelt.<\/p>\n<p>Werte sind das Resultat von Aneignungsbem\u00fchungen \u2013 von Ergreifen und Besitzergreifen: angeeignet werden Verhaltensformen, Nahrung und Gebrauchsg\u00fcter. Sie werden in Besitz genommen und k\u00f6rperlich und geistig verarbeitet.<\/p>\n<p>Werte sind das, was Menschen als erstrebenswert erachten. Sie haben Gehalt und Qualit\u00e4t und genie\u00dfen hohe Aufmerksamkeit. Sie sind Ideen und Handlungsmuster, Glaubenss\u00e4tze und Denkweisen, nach denen Menschen leben wollen. Sie k\u00f6nnen sein Verhalten betreffen, das sind moralische und soziale Werte, sie k\u00f6nnen auch Sachen betreffen, nach deren Qualit\u00e4t und Nachhaltigkeit gefragt wird. Da Werte in Kommunikationsprozessen entstehen, bringen sie zwischenmenschliche Qualit\u00e4ten und politische Statements zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Werte sind Attraktionen. Ob als Nahrung und saubere Luft (Innenraum), als Ding und Landschaft (Umraum) oder als interessante Idee (symbolischer Raum), sie leiten sich allesamt aus der Notwendigkeit des \u00dcberlebens oder aus Bedingungen des guten Lebens ab. Werte verweisen auf Vollkommenheit und geben Sinn und Orientierung. Sie zeigen sich als das Gute (Moral), das Wahre (Logik), die Liebe (Sozialit\u00e4t), die Qualit\u00e4t (Technik), die Transzendenz (Kunst) und das Sch\u00f6ne (\u00c4sthetik). Insofern sind Werte Taktgeber und Orientierungshilfen f\u00fcr Menschen und Gemeinschaften, um Stabilit\u00e4t und Sicherheit zu geben und Perspektiven in die Zukunft.&lt;s&gt;&lt;\/s&gt;<\/p>\n<p>F\u00fcr das Sch\u00f6pfen von Werten sorgt bereits der S\u00e4ugling. Sein Geschmack meidet das Bittere, Salzige und Saure, die Wachstum und Gesundheit gef\u00e4hrden k\u00f6nnen, und zieht das S\u00fc\u00dfe vor, das f\u00fcr sein Wachstum die erforderliche Energie liefert. Und er entwickelt ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Stoffe, die f\u00fcr den Einbau in den K\u00f6rper geeignet sind. Der Wert ergibt sich aus dem Meiden von Gefahr und dem Aufbau von Kr\u00e4ften. Das, was sich in K\u00f6rpereigenes umwandeln l\u00e4sst, ist das, was gekostet werden kann \u2013 das ist dann das Kostbare, das Wertvolle, das nicht zuf\u00e4llig wohlschmeckt.<\/p>\n<p>Auch im Umraum, dem Lebensraum, sch\u00f6pft der Mensch Werte. Das sind R\u00e4ume hoher Wertsch\u00e4tzung, da sie das Leben durch saubere Luft, einen guten Boden und eine beherrschbare Pflanzen- und Tierwelt sichern. Eine grundlegende Form des Umraums entsteht mit der Sesshaftwerdung. Die Menschen halten an, \u00fcberwinden ihr J\u00e4ger- und Sammlertum und besetzen ein St\u00fcck Erde, wodurch der\u00a0<i>Boden<\/i>\u00a0entsteht. Auf ihm richten sie sich ein, indem sie sich aus dem gro\u00dfen Haus, dem Oikos, ein Haus herausschneiden, und eine eigene, humane Welt schaffen. Die \u00dcberschaubarkeit des neuen Raumes und der Besitz an Boden stattet die Besitzer mit territorialer Macht aus, die nun eine wahre Leidenschaft der Wertsch\u00f6pfung entfaltet. Sie beginnen damit, ihre Lebensmittel und die unendlich vielen Gebrauchsg\u00fcter und Luxusgegenst\u00e4nde selbst zu produzieren.<\/p>\n<p>Ebenso sch\u00f6pft der Mensch im symbolischen Raum, dem Denkraum, Werte. Denn sein Leben gr\u00fcndet nicht allein in materiellen Bed\u00fcrfnissen. Aufgrund seiner neuen Lebensweise beginnt er sein Verh\u00e4ltnis zur Natur zur reflektieren und nach seiner Existenz zu fragen. So entstehen Naturtheorien, philosophische Reflexionen und Fragen nach der Technik und nach der Psyche des Menschen. Denn da das Naturwesen Mensch auch ein Wesen der Kultur ist, haben seine geistigen, kulturellen und sozialen Bed\u00fcrfnisse auch den Charakter der Notwendigkeit. Ihre Werte entstehen im Kontext sozialer Kontakte und sind abh\u00e4ngig vom einzelnen Menschen wie von kulturellen Konzepten. Kulturwerte wie Technik, Wissenschaft oder Kunst bilden einen wesentlichen Antrieb zur Entwicklung von Gemeinschaften und Kulturen.<\/p>\n<p>Mit ihrem Aneignungsverm\u00f6gen erfinden die Sesshaften auch das Geld und seinen Wert. Der Wert liegt weniger im Material wie Gold oder Silber, als in der Absprache und im Vertrauen ins Geld, ob es als M\u00fcnze vorliegt, oder als Kredit-Schein, dem \u00e4ltesten Schriftdokument der Menschheit. Man glaubt, dass der Mensch mit dem Kredit etwas Sinnvolles anfangen, etwas Gutes entwickeln wird \u2013 daher hei\u00dft\u00a0<i>credible<\/i>\u00a0auch\u00a0<i>glaubw\u00fcrdig<\/i>.<\/p>\n<p>Wenn Werte auf das Gute, Wahre und Liebe, auf Qualit\u00e4t, Transzendenz und das Sch\u00f6ne verweisen, geht es um das Ideal eines pers\u00f6nlichen und gemeinschaftlichen Lebens. Allerdings ist das nur im Ideal eines weltgemeinschaftlichen Lebens realisierbar. F\u00fcr eine solche Richtung m\u00fcssen die Menschen in ihrem symbolischen Raum aktiv werden: kreativ und moralisch verbindlich in ihrem Denken und F\u00fchlen, Handeln und Verhalten.<\/p>\n<p>Als besondere Form des Kulturschaffens und Wertesch\u00f6pfens hat gerade in Gesellschaften, die rationalen Lebensformen huldigen, Kunst eine Erkenntnis und Orientierung gebende Funktion. Und wenn es um Mythos und Geld, um Opfer und Erkenntnis geht, ist die Arbeit\u00a0Faire partir l\u2019ombre\u00a0du vertige de la contingence\u00a0von Gloria Zein\u00a0ein treffender Zusammenklang. Werden seit der Sesshaftwerdung die Haustiere, also das Vieh,\u00a0wie in\u00a0<i>Faire partir l\u2019ombre\u00a0<\/i>direkt in die Falle, das Gehege hineingeboren, findet sich\u00a0bei\u00a0<i>du vertige de la contingence<\/i>\u00a0ein Gehege, in dem sich die abstrakte Form eines menschlichen Torsos befindet: Spontan haben die\u00a0Schafe von Melle den Ort aufgesucht, ihn als ihre Lokalit\u00e4t erkannt und das Kunstwerk legitimer Weise zu ihrem Nutzen in Besitz genommen.<\/p>\n<p>Hajo Eickhoff, 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden Begriffe pecunia und pecus geh\u00f6ren etymologisch zusammen und sind ein zentrales Anliegen der Arbeit du vertige de la contingence der K\u00fcnstlerin Gloria Zein f\u00fcr die Biennale 2018 in Melle. Pecunia hei\u00dft Geld und Reichtum. Pecus Schaf und Vieh. Das Schaf ist also nicht irgendein Tier, sondern pecus ist das Grundwort f\u00fcr Vieh, das urspr\u00fcngliche Wort f\u00fcr Reichtum. 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